Die Forschungscluster

Die interdisziplinäre Abstimmung wird auf verschiedene Weise gewährleistet. Hierbei spielt die Gruppierung der Forschungsprojekte in themenspezifische Cluster eine zentrale Rolle. Auf Cluster-Ebene werden zur Vertiefung der wissenschaftlichen Fragestellungen Workshops stattfinden, die innerhalb eines Clusters – und damit projektübergreifend – von Relevanz sind. Die Workshops finden jährlich an wechselnden Orten und/oder online statt. Publikationen und Zwischenberichte der Projekte aus den verschiedenen Clustern werden auf dieser Website als Download veröffentlicht.

Die Einzelprojekte stehen nicht nur innerhalb der Cluster in Kontakt, das Forum „Reflexivität und Wissensbestände“ bietet ebenfalls eine Plattform für einen übergreifenden Austausch.

Cluster A: Historische und zeitgenössische Konstruktionen jüdischen Kulturerbes – Prozesse, Formen und Gegenstände kultureller Weitergabe

Konstruktionen jüdischen Erbes im Sinne wissenschaftlicher Dokumentation und Erforschung setzten im 19. Jahrhundert mit der Etablierung der „Wissenschaft des Judentums“ ein. Das Einbeziehen materieller Objekte jüdischer Kultur nahm an der Wende zum 20. Jahrhundert einen besonderen Aufschwung, als mit der Etablierung der „jüdischen Volkskunde“ jüdische Tradition und Kultur über ihre textlichen Grundlagen hinausgehend betrachtet wurden.
Zeitgleich entstehende Musiksammlungen jüdischer Kantoren (z. B. die Eduard Birnbaum Music Collection und Abraham Zvi Idelsohns Hebräisch-Orientalischer Melodienschatz [1914–1932]) machen deutlich, dass das „jüdische Sammeln“ nicht nur unterschiedlichen wissenschaftlichen, zionistischen und nationalen Interessen folgte, sondern dass dessen Wurzeln gleichsam in den ethischen Säulen des Judentums zu suchen sind, in halacha (Religionsgesetz) und zedaka (Wohltätigkeit). Die Motive und Intentionen jüdischen Sammelns unterscheiden sich somit grundlegend von denen, die heute der Mehrzahl der jüdischen Sammlungen zugrunde liegen. Historisch-wissenschaftliche und gegenwartspolitische Interessen griffen in der Praxis der Konstruktionen jüdischen Erbes bereits vor der Schoa ineinander. Im Rahmen des Vorhabens ist daher den Triebkräften und unterschiedlichen Manifestationen des „Sammelns“ und „Bewahrens“ als sine qua non der Konstruktion jüdischen Erbes nachzugehen: seinen primären Erscheinungsformen, seiner Säkularisierung beim Eintritt in die Moderne, seinen unterschiedlichen Ausprägungen in Mittel- und Osteuropa sowie seiner radikalen Neuausrichtung nach der Schoa.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte in Deutschland und anderen europäischen Ländern ein neuer Prozess der Entdeckung und Bewahrung des jüdischen Kulturerbes der Vergangenheit ein. Dieser zielte vor dem Hintergrund der Vergangenheitsbewältigung und zögerlich einsetzenden Erinnerungskultur u. a. darauf ab, im „neuen Europa“ der Gegenwart ein Fundament für die Erneuerung jüdischen Lebens zu errichten. Nicht selten sind an die Maßnahmen zum Erhalt des jüdischen Kulturerbes Erwartungen wie Bekämpfung von Antisemitismus, Förderung kultureller Vielfalt und interkulturellen Dialogs oder die Bewahrung als fundamental betrachteter europäischer Werte wie Demokratie und Toleranz geknüpft. Die Ansätze sind so unterschiedlich wie die Vorstellung von dem, was jüdisches Kulturerbe ist und was mit ihm zu geschehen hat. Somit unterscheiden sich auch die Wahrnehmungen jenes Erbes und die Motive des Bewahrens: In Westeuropa wurde das Erinnern an das jüdische Kulturerbe im Allgemeinen und das Gedenken an die Schoa im Besonderen zum Eckpfeiler eines „europäischen Gedächtnisses“. Jüdisches Kulturerbe wird hier als tendenziell positiv, homogen und transnational wahrgenommen; der Aspekt der kulturellen Reparation steht im Vordergrund. Im postsowjetischen östlichen Europa hingegen, wo die Auseinandersetzung mit der Schoa und den zerstörten jüdischen Lebenswelten spät einsetzte, tritt jüdisches Kulturerbe eher national und damit vielfältiger in Erscheinung und wird als tendenziell dissonant wahrgenommen. Hier geht es demnach eher um das Füllen von Lücken, die die kommunistische Ideologie seinerzeit geschaffen hat, oder um die Demonstration demokratischer Prinzipien und multikultureller Ideale.

Zentrale Fragestellung, die in Cluster A beleuchtet werden, sind beispielsweise:

  • Wie entwickelten und entwickeln sich Konzepte des Sammelns, Erforschens und Bewahrens jüdischen Kulturerbes in den diversen Disziplinen?
  • Welche Rolle spielt das „Verlorene“? (Kultur-Erbe-Konstruktionen als [im-]materielle und/oder virtuelle Rekonstruktion)
  • Was bedeuten Digitalisierung, Virtualisierung und Vernetzung für den Kulturerbe-Diskurs?
  • Wer sind „Shareholder“, wer „Stakeholder“ bei der Konstruktion jüdischen Kulturerbes?
  • Mit welchen Intentionen erforschte wer zu welchen Zeiten jüdisches Kulturerbe?

Cluster B: Jüdisches Kulturerbe in/als soziale(r) und rituelle(r) Praxis – Transmissionen und Innovationen

Dieser Themenkomplex fragt nicht nur nach der (im-)materiellen Kultur in der Forschung, sondern verstärkt auch in der Selbstwahrnehmung der jüdischen Gemeinden. Welche Rolle spielte (und spielt) das „Erbe“ für jüdische Gemeinden in der Vergangenheit und in der Gegenwart? „Moderne“ jüdische Gemeinschaften in Europa definieren sich zumindest in Teilen über ihre Synagogen bzw. Gemeindezentren, aber in gewisser Weise auch über tradierte Objekte oder sogar eigene (Judaika-)Sammlungen wie Tora-Rollen und -Schreine oder Handschriften, die im „täglichen“ liturgischen Gebrauch keine Rolle mehr spielen. Im Zusammenhang mit den vielfach prominenten Bauten selbst ergeben sie ein äußeres Bild der Gemeinde, das im Inneren vermutlich fortwirkt. Es wäre daher zu untersuchen, inwieweit nicht nur soziale und religiöse Strukturen Einfluss auf die Bauten und Ausstattungen nehmen bzw. wie materielle Formen des Synagogenbaus und seiner Einrichtung die inneren Gefüge einer Gemeinde widerspiegeln, sondern inwieweit Konzepte eines „Erbes“ eine Rolle für die Synagogen und Gemeinden spielen.
Vor diesem Hintergrund ist auch danach zu fragen, welchen Stellenwert das Judentum (etwa im Vergleich zu anderen Religionen) aufgrund seiner fragilen diasporischen Existenz auf physikalische Manifestationen seiner Religion und Kultur gelegt hat und legt und wie dies im Verhältnis zur Wertzuschreibung von außen steht. Immaterielle Werte, genauer: talmudische und theologische Grundhaltungen des Judentums wie die Heiligung des Ortes, die für das Judentum von zentraler Bedeutung sind, finden in den nationalen und regionalen Maßnahmen zum Kulturerbe-Erhalt kaum Berücksichtigung, prägen jedoch die Einstellung von Juden und Jüdinnen zu kulturellem Erbe und zur Kulturerbepolitik. Somit ist auch verstärkt die emische Perspektive auf das Produkt „jüdisches Kulturerbe“ ins Zentrum der Auseinandersetzungen zu stellen, d. h. der Blick der Juden und Jüdinnen selbst auf ihr kulturelles Erbe, in dessen Kontext unter anderem auch Konzepte wie „dissonantes Erbe“ oder „versöhnliches Erbe“ umfassender diskutiert werden sollten.

Zentrale Fragestellungen, die in Cluster B beleuchtet werden, sind beispielsweise:

  • Was wurde/wird in jüdischen Gemeinden wertgeschätzt, mit welcher „Konnotation“?
  • Was wird „anderen“ als jüdisches Erbe präsentiert und überliefert?
  • Wie verhält sich das immaterielle Kulturerbe jüdischer Gemeinschaften zum materiellen Erbe?
  • Welche Rolle spielten und spielen Museen (jüdische Museen, Museen mit jüdisch konnotierten Objekten, Gedenkstätten, Lernorte, Kulturzentren…) für den Erbe-Diskurs?
  • Wie ging und geht (staatliche) Denkmalpflege – als Sachwalter eines nicht gruppenspezifisch definierten Erbes – mit Orten und Objekten jüdischer Kultur und Geschichte um?
  • Was bedeutet jüdisches Kulturerbe „vor Ort“, im lokalen und regionalen Kontext?
  • Kann es eine Bewahrung jüdischen Erbes „ohne Juden“ geben? Für wen und wofür?

Cluster C: Kulturelle Nachhaltigkeit und jüdische Perspektive – Jewish Agency versus ideologische Inanspruchnahme jüdischer Kultur

Dem bisher dominanten Fokus des Kulturerbe-Diskurses (von außen) auf das jüdische Leben der Vergangenheit wird in diesem Themenkomplex der Blick auf das jüdische Kollektiv selbst und seinen Umgang mit den Veränderungen im Prozess des Bewahrens und Tradierens im Heute für die Zukunft entgegensetzt. In diesem Sinne soll das Konzept der kulturellen Nachhaltigkeit verstärkt aus jüdischer Perspektive erforscht werden. Dabei werden Vorstellungen von kultureller Kontinuität des Judentums (als Religion, Kultur und Ethnie) mit Diskursen über kulturelle Nachhaltigkeit bzw. Kulturen der Nachhaltigkeit in Verbindung gebracht. Hierzu gehört insbesondere das Hinterfragen von Patrimonialisierungsprozessen jüdischer Kultur und den Beziehungen der verschiedenen Akteur*innen zu Zeit, Raum, Kontext und dem „Anderen“. Die neue Konzeptualisierung ermöglicht die Bildung eines „jüdischen“ Modells kultureller Nachhaltigkeit, das wiederum eine Einschreibung jüdischen Wissens und Denkens in Diskurse über kulturelles Erbe erfordert. Es ermöglicht einen Perspektivwechsel, der den Fokus weg von der Vergänglichkeit der jüdischen Kultur und hin zu ihrer Gegenwart und möglichen Zukunft lenkt.
Die hier gewählte Betrachtung jüdischen Kulturerbes aus der Perspektive der kulturellen Nachhaltigkeit dient dazu, den bisherigen patrimonialen Kreislauf zu durchbrechen. Dieser geht in der Regel mit politisch motivierten Top-down-Prozessen bezüglich der Verwaltung und des Managements von Kulturerbe einher und koppelt es zunehmend vom Leben seiner (ursprünglichen) Träger*innen und damit vom jüdischen Leben vor Ort ab. Dadurch bleiben die dem Judentum immanenten Bottom-up-Prozesse des Bewahrens und Tradierens seiner Kultur unsichtbar.

Zentrale Fragestellungen, die in Cluster C beleuchtet werden, sind beispielsweise:

  • Welche Erkenntnisse lassen sich aus jüdischen Konzepten des Kulturerhalts, wie tikkun olam oder l‘dor va-dor, für allgemeine Kulturerbeprozesse zukünftig ableiten?
  • Inwiefern kann eine Betrachtung jüdischen Kulturerbes aus der Perspektive der kulturellen Nachhaltigkeit die dynamischen Beziehungen von Juden und Jüdinnen zur nichtjüdischen Gesellschaft besser freilegen und damit neue Denkmuster für Diskurse zu jüdischem Kulturerbe anbieten?
  • Inwiefern wirkt jüdisches Erbe als Hürde oder Wegbereiter einer kulturellen Nachhaltigkeit?