Assoziierte Projekte und Forscher*innen

IKG – Die Internationale Leo-Kestenberg-Gesellschaft

Die Internationale Leo-Kestenberg-Gesellschaft ist dem Lebenswerk des Pianisten, Musikpädagogen und Bildungspolitikers Leo Kestenberg (1882-1962) verpflichtet.

1882 im damals ungarischen, heute slowakischen Rosenberg (Roszahegy, Ruzomberok) geboren, wuchs der Sohn eines jüdischen Kantors in Prag und Reichenberg/Böhmen auf. In Berlin lernte er Ferruccio Busoni kennen, dessen Schüler er wurde, und kam in die Einflusssphäre Liszts. Seit der Jahrhundertwende lebte Kestenberg als Pianist, Klavierlehrer verschiedener Konservatorien, Musikorganisator und Redakteur überwiegend in Berlin. 1918 avancierte er zum Musikreferenten im preußischen Kultusministerium. Dieses wichtige Amt nutzte er zielstrebig für seine weitreichenden Reformbemühungen. Mit Kestenbergs Entlassung durch die rechtsautoritäre Reichsregierung, die im Jahre 1932 die letzte freie preußische Regierung absetzte, fand sein musikpolitisches Engagement in Deutschland ein abruptes Ende. Von den Nationalsozialisten verleumdet und tätlich angegriffen, ging er 1933 nach Prag, wo er sich besonders der internationalen Vernetzung von Aktivitäten auf dem Gebiet der Musikerziehung widmete. 1938 siedelte Kestenberg nach Palästina über; dort war er als Generalmanager des Palestine Symphony Orchestra tätig und wirkte durch die Gründung der Midrasha le mechanchim leMusica am Aufbau des Musikwesens in Israel mit. Er starb 1962 in Tel Aviv.

Kestenbergs Lebensschicksal, seine intellektuelle Biographie und sein kulturpolitisches Wirken können Anstöße geben, die gerade heute nötig und in hohem Maße aktuell sind.

Heute, mehr als fünfzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und ein Jahr nach dem Beginn des Krieges zwischen Russland und der Ukraine liegt die Aktualität Kestenbergs als eines Wegbereiters eines demokratisch fundierten, universalen Konzepts musikalischer Bildung auf der Hand. Die IKG fasst die nationalen und internationalen Aktivitäten zur Erforschung von Leben und Werk Leo Kestenbergs und dessen Wirkung zusammen und macht die Ergebnisse aus Forschung und Praxis einer größeren Öffentlichkeit zugänglich. Über der historisch geprägten Hinwendung zur Person Kestenbergs setzt sich die Gesellschaft mit dem kultur- und bildungspolitischen Wirken Kestenbergs vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen auseinander.

Die Internationale Leo-Kestenberg-Gesellschaft richtet sich an Personen und Institutionen, die in der Kestenberg-Forschung oder in der historischen musikpädagogischen Forschung tätig sind sowie an alle Interessenten, die die Ziele der Gesellschaft unterstützen möchten.

Ziele und Aufgaben der Gesellschaft sind:

  • Dokumentation und Erforschung der bildungspolitischen Arbeit Leo Kestenbergs
  • Erfassen sämtlicher Veröffentlichungen Kestenbergs
  • Zusammenarbeit mit Personen, Institutionen und Archiven, die in der Kestenberg-Forschung oder in der historischen musikpädagogischen Forschung tätig sind
  • Zusammenfassen der nationalen und internationalen Aktivitäten zur Erforschung von Leben, Werk und Wirkung Kestenbergs
  • Zugänglichmachen der Ergebnisse aus Forschung und Praxis
  • Aufbau eines globalen Netzwerkes zur Herstellung von Kontakten
  • Pflege des internationalen wissenschaftlichen Austauschs
  • Durchführung von wissenschaftlichen Kongressen sowie interdisziplinären und institutionsübergreifenden Projekten
  • Herausgabe von Veröffentlichungen aus der Kestenberg-Forschung

Jüdisches Sammeln – das Beispiel der deutsch-israelischen Musikwissenschaftlerin Edith Gerson-Kiwi (1908–1992)

Im Mittelpunkt des Projektes steht der Nachlass Edith Gerson-Kiwi. Sein Herzstück, eine zwischen 1947 und 1982 in Palästina/Israel entstandene Sammlung mit über 10.000 Aufnahmen orientalischer Musik, hat den Grund gelegt für die Dokumentation, Erforschung und Popularisierung des musikalischen Erbes der orientalischen Juden, mit der sich die Musikwissenschaftlerin einen Namen gemacht hat.
Edith Gerson-Kiwis Sammlung und die damit verbundenen Aktivitäten wie (Re-)Präsentieren, Auswerten und Vermitteln stehen exemplarisch für das Phänomen des „jüdischen Sammelns“ und Umgangs mit dem eigenen kulturellen und geistigen Erbe. Ein Überblick über Sammelformen und -institutionen wie Anthologien, Archive, Bibliotheken, Museen, Geschichtsvereine, Enzyklopädien u. a. m. belegt eine ethisch gestützte jüdische Sammelpraxis, die über die Neugestaltung der Gegenwart mittels der Vergangenheit eine Zukunft schaffen will und damit für das Überdauern des jüdischen Kollektivs über Räume und Zeiten essentiell war. Ungeachtet der offenkundigen Bedeutung des Sammelns für das jüdische Kollektiv gibt es keine Studien, die dieses Sammeln als Phänomen erschließen.
Diesem Desiderat möchte sich das Projekt annähern. Im Rahmen einer systematischen Untersuchung sollen die Triebkräfte, Zielsetzungen und ethischen Grundsätze der Sammlerin, aber auch die historischen, kulturellen und sozialen Bedeutungen, die ihren Aktivitäten beigemessenen wurden, offengelegt sowie die Nutzung respektive Nachhaltigkeit ihrer Sammlung untersucht werden. Ziel des Projektes ist es, „jüdisches Sammeln“ und die damit verbundenen Tätigkeiten als ein distinktes Phänomen zu erfassen und im Spiegel der Critical Heritage Studies zu deuten. Die Erfassung und Auswertung von historischen Quellen, insbesondere jüdischen Medien und Nachlassdokumenten wie Interviews, Zeitungsberichte zu Sammel- und Forschungsaktivitäten, Rezensionen, Radiotalks oder unveröffentlichte Manuskripte, bilden die Kernaufgabe des Projektes.

Weitere Informationen zur Sammlung

Forschende

Dr. Regina Randhofer

Europäisches Zentrum für Jüdisches Musik

Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

Luisa Klaus

Europäisches Zentrum für Jüdisches Musik

Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

Net Olam – Jüdische Friedhöfe im Fokus von Antisemitismus und Prävention

Die mehr als 2.000 jüdischen Friedhöfe in Deutschland bilden ein reiches kulturelles und religiöses Erbe; in vielen Gemeinden ist der Friedhof oft die einzig sichtbare Erinnerung an die jüdische Geschichte des Ortes. Jüdische Begräbnisstätten sind, für eine Minderheit existenziell, auf Dauer angelegt: „Bet Olam“, Haus der Ewigkeit. Die zahlreichen Übergriffe zeigen jedoch, dass sie verletzliche Orte sind. Diese Angriffe richten sich ausdrücklich nicht gegen Einzelpersonen, sondern gegen die gesamte jüdische Bevölkerung – gegen die Lebenden und sogar gegen die Toten. Hier setzt das auf vier Jahre (2021-2025) angelegte und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Verbundprojekt Net Olam an, mit dem Ziel, Konzepte zum Schutz jüdischer Friedhöfe zu erarbeiten.

Auf der Grundlage einer umfassenden Datenerhebung wird das tatsächliche Ausmaß von Friedhofsschändungen erstmals für ganz Deutschland und mit einem Schwerpunkt auf der Zeitspanne seit 1945 ermittelt. Diese Informationen bilden die Basis für weitere Forschung und gleichzeitig für die Erarbeitung von Handreichungen zur Vermittlung bis hin zu konkreten Ansätzen zum Schutz gefährdeter Objekte (Grabsteine/Einfriedungen). Ein Ziel des Projekts ist die Stärkung der bestehenden zahlreichen Initiativen zum Schutz und zur Erhaltung jüdischer Friedhöfe. Gemeinsam mit lokalen Heimatforscher:innen, Lehrer:innen und an jüdischen Friedhöfen Interessierten wollen die Projektpartner ein nachhaltiges, breites Kompetenznetzwerk aufbauen.

Im Teilprojekt Schändung jüdischer Friedhöfe in Deutschland: Systematische Erhebung, Analyse und Aufbau eines präventiven Netzwerks untersucht das Steinheim-Institut Angriffe auf jüdische Friedhöfe und wertet Hinweise auf rechtsextreme Diskurse aus. Durch Archivrecherche, Auswertung großer digitaler Zeitungskorpora sowie den Austausch mit Experten und Expertinnen vor Ort und den Landesverbänden jüdischer Gemeinden soll eine möglichst vollständige Erhebung antisemitischer Angriffe bis in die heutige Zeit erfolgen.

Im Teilprojekt Gedenken, Mahnen, Lernen – Jüdische Friedhöfe als Orte der Erinnerungslandschaft untersucht die Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa an der TU Braunschweig die Rolle und zukünftige Möglichkeiten für jüdische Friedhöfe als Teil der Erinnerungstopographie. Wem „gehören“ verwaiste jüdische Friedhöfe, wer fühlt sich zuständig, wer pflegt und schützt sie vor Angriffen?

Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) untersucht im Teilprojekt Schändungen jüdischer Friedhöfe in Bayern – Schadensbilder, Ausmaß, historischer Kontext, Analyse anhand von Fallbeispielen die konkreten Folgen der Schändungen für den Bestand der Grabmäler und den mikrohistorischen Kontext der Schändungsereignisse. Die Schadensbilder werden in einer innovativen Onlinedatenbank beschrieben und damit erstmals als statistisch auswertbare Daten über Art, Qualität und Ausmaß der Schäden in jüdischen Friedhöfen erfasst. Das Teilprojekt kooperiert eng mit dem 2020 vom BLfD gestarteten Projekt Erfassung jüdischer Grabmäler in Bayern zur umfassenden Dokumentierung der ca. 80.000 Grabsteine in den 124 jüdischen Friedhöfen Bayerns.

Förderung

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Förderlinie „Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen des Antisemitismus“. Das Projekt ist eingebunden in das Metaprojekt „Forschungsnetzwerk Antisemitismus im 21. Jahrundert – FONA21“ am Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin.

Partner

Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte
Universität Duisburg-Essen
Edmund-Körner-Platz 2
45127 Essen

Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa
Technische Universität Braunschweig
Pockelsstr. 4
38106 Braunschweig

Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege
Schloss Seehof
96117 Memmelsdorf

Weitere Forschende

Prof. Dr. Sarah M. Ross
Sprecherin des SPP 2357 „Jüdisches Kulturerbe“

Europäisches Zentrum für jüdische Musik, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

Dr. Sascha Wegner
Leitung der Koordinierungsstelle

Europäisches Zentrum für jüdische Musik, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

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